Startseite    Rathaus & Bürgerservice    Pressemitteilungen    Verleihung des Gustav-Regler-Preises 2020

Verleihung des Gustav-Regler-Preises 2020

Am 12. Juni fand zum achten Mal die Verleihung des Gustav-Regler-Preises in Würdigung des Werkes und der Lebensgeschichte des saarländischen Literaten statt.

Die Kreisstadt Merzig verlieh den auf 10.000 Euro dotierten Gustav-Regler-Preis 2020 an den Autoren Guy Helminger zur Anerkennung literarischer Verdienste um internationale und interkulturelle Verständigung.

Der Gustav-Regler-Förderpreis 2020, der auf 4.000 Euro dotiert ist, wurde durch den Saarländischen Rundfunk zur Förderung junger Autoren dem Autoren Bernd Marcel Gonner überreicht.

Beide Schriftsteller vereint ein zeitgenössisches Verständnis von Literatur, das den gesellschaftlichen Dialog und differenzierte Reflektion von Wahrheit in den Vordergrund stellt.

Bürgermeister Marcus Hoffeld begrüßte alle Gäste und bedankte sich für eine großartige Zusammenarbeit bei dem Team des Saarländischen Rundfunks und der Programmleiterin des SR2 Kulturradios, Dr. Ricarda Wackers. Auch Jörg Sämann vom Ministerium für Bildung und Kultur galt sein Dank für die großzügige Unterstützung. Eine besondere Begrüßung kam auch den Angehörigen der Regler-Repplinger-Familie zu, darunter Annemay Regler-Repplinger, die sich intensiv in die Erinnerungskultur der Stadt einbringe. Herr Hoffeld betonte die Wichtigkeit der Nachbarschaft im Dreiländereck, die in der Jury des Preises aus dem Saarland, Frankreich und Luxemburg repräsentiert sei. Diese Nähe sei nicht selbstverständlich, wie zuletzt in der Corona-Pandemie klar wurde. Vor diesem Hintergrund sei die grenzüberschreitende Zusammenarbeit wichtiger denn je. Die Hauptpersonen des Abends seien die beiden Preisträger, für deren Geduld sich Hoffeld nach zwei Jahren des Wartens auf die Verleihung bedankte. Guy Helminger und Bernd Marcel Gonner sind beide gebürtige Luxemburger, was auch an dieser Stelle für den Merziger Bürgermeister ein erfreuliches Zeichen der Interkulturalität sei.

Dr. Claude Conter hielt die Laudatio für Bernd Marcel Gonner und thematisierte hierin den humanistischen Anarchismus in der Erzählung „Transitverkehr“ von Gonner. Der Autor sei singulär in der gegenwärtigen Literaturlandschaft. Gonner schaffe eine distanzierte Haltung und rege damit seine Leserinnen und Leser zum Nachdenken an. Als Mittel hierzu dienten sein engmaschiger Stil und die intertextuellen Bezüge, die durch eine Collage von Texten erst die Wirklichkeit der Figuren konstruiere. Der Protagonist der Erzählung, Thor, sei als „Sohn des Niemandslandes“ immer auf der Durchreise und wird mit verschiedenen Formen des Protestes konfrontiert. Dabei stelle sich die zentrale Frage, wie der Mensch sich die Humanität bewahren kann. Gewissheiten liefere Gonner keine, dafür aber eine schlichte Form der Lebensbejahung, die sozial und zutiefst menschlich sei. Die anarchistische Form des Widerstands in „Transitverkehr“ sei nicht destruktiv, sondern ziele auf die individuelle Freiheit der Menschen und einer auf Liebe basierenden Suche nach Wahrheit.

Dr. Ricarda Wackers verlieh den Gustav-Regler-Förderpreis an Bernd Marcel Gonner und betonte, dass es dem Saarländischen Rundfunk ein großes Anliegen sei, Kultur zu fördern und erlebbar zu machen, beispielsweise auch durch Lesungen und zahlreiche Förderpreise. Das Schauen zur Seite auf andere Künstler und das Grenzüberschreite sei nach diesen zwei dunklen Jahren besonders wichtig. Umso schöner sei es, Herrn Gonner auszeichnen zu dürfen. Doktor Wackers gratulierte auch im Namen der Jury, die von der sprachlichen Durchdringung des Protest-Narrativs überzeugt wurde und dass Gonners Werk im Sinne Gustav-Reglers eine seltene Haltung des politischen Idealismus biete.

Bernd Marcel Gonner zeigte sich berührt und geehrt. Für ihn sei der Gustav-Regler-Förderpreis mehr als eine Auszeichnung, da er sich der Tradition Reglers verschrieben habe. Gonner erzählte über seine biographische Erfahrung mit Protest in seinem Heimatdorf, das im früheren Bauernkriegsgebiet liege und später durch Proteste gegen die Waldabholzung für eine Daimler-Teststrecke gespalten wurde. Ähnlich wie Gustav Regler wurde er später lebensklüger und habe nun nicht nur ein heißes Herz, sondern auch einen kühlen Kopf. Er bezeichne sich selbst als Anarchist im besten und gediegensten Sinne und warnte gegenüber selbstgerechten Haltungen, die Gegenstimmen in die Ecke stellen und Urteile fällen, ohne das Gegenüber auszuhören.

In der Laudatio für Guy Helminger sprach Johannes Schröer über Kunst als Dialog- und Denkraum. Schröer kritisierte, dass Kunst zu oft auf gemütliche Abende, Dekoration und Entspannung reduziert werde. Diese Ansicht habe laut ihm nichts mit zeitgenössischer Kunst zu tun, welche es vermöge, die offizielle Wahrheit zu hinterfragen und die Möglichkeit einer anderen Meinung aufzuzeigen. So behandle Guy Helminger in seinem Roman „Neubrasilien“ Themen der Identität, Heimat und Auswanderung sowie der Flucht und Migration. Die Frage, wie Politik mit zeitgenössischer Kunst umgeht, sei im Roman „Die Lombardi-Affäre“ zentral: Helminger thematisiert die Wahrnehmung von Wirklichkeit und Identität und inwieweit Sprache Wirklichkeit erzeugt. Das Werk führe vor Augen, dass es in einem Zeitalter der „Fake-News“ wichtig sei, konstruktive Dialoge zu führen und kritisch hinter die Kulissen zu schauen. Literatur schaffe es dabei, das Tempo aus dem modernen Leben zu nehmen und damit ein Hinterfragen und Auseinandersetzen mit der Wirklichkeit anzustoßen. Die Eindrücke eines Dichters zeige Helminger auch in seinen Aufzeichnungen und Fotografien von Reisen in die ganze Welt, die neue Situationen, direktes Gespräch mit den Menschen und das Überwinden von Angst mit sich bringen. Das Ziel sei es für den Schriftsteller, keine Antworten zu liefern, sondern Türen zum Dialog zu öffnen.

Bürgermeister Hoffeld überreichte Herrn Helminger den Gustav-Regler-Preis und lobte im Namen der Jury die Genrevielfalt der Werke von Helminger und seine stilistische Prägnanz. Helminger zeige sich als politischer Autor im Sinne von Gustav Regler mit einer bemerkenswerten Welthaltigkeit und Weltläufigkeit trete er damit als literarischer Botschafter auf.

Guy Helminger bedankte sich bei der Jury und bei Herrn Schröer für die Laudatio. Er freue sich besonders über die Auszeichnung, da der Preis allein schon durch seine Namensgebung politisch sei. Das Analysieren von Sprache und das Sezieren der Verhältnisse dahinter sei das Ziel seines Werkes. Das politische Wesen seiner Literatur sei dadurch gegeben, dass Sprache und die Wahl des Wortes existenziell in die Wahrnehmung von Wirklichkeit eingreifen. So seien sprachliche Veränderungen oft nicht zufällig, sondern als Machtinstrument von Interessen geleitet: Sprache sei in der Lage, durch Aufwertung Missstände zu verhüllen oder moralisierend abzuwerten. Als Beispiele sehe er nicht nur Verschwörungstheorien, sondern auch die „Shitstorms“ auf den sozialen Medien. Aufgabe von Literatur sei es, den heutigen Hang zur Simplizität und Dialogfeindlichkeit zu hinterfragen – diese seien in ihrem Wesen undemokratisch. In Werken, wie denen von Gustav Regler, könne man verweilen, um einen differenzierten und emotionsbetonten Zugang zu Themen der Wirklichkeit zu bekommen. In dieser sprachlichen Tradition sehe er sich selbst gerne.

Zum Schlusswort bedankte sich Marcus Hoffeld für die musikalische Begleitung von Michael Marx und Nino Deda, bei den Laudatoren, den Preisträgern und dem SR2 Kulturradio vertreten durch Tila Fuchs. Darüber hinaus dankte er den Kolleginnen und Kollegen der Stadtbibliothek, dem Team der Kreisstadt rund um Heike Wagner und dem Team der Stadthalle für die Ausrichtung der Verleihung.

Nach dem Festakt lud die Kreisstadt Merzig zu einem Empfang im Foyer der Stadthalle ein.

 

Kontakt
Öffnungszeiten
facebook
Instagram